Glosse vom Wandel

Lesedauer 4 Min.

Zugzwang Nr. 2: Seid nett zueinander!

Ich weiß schon, was Sie am Ende dieses Textes sagen werden: wieso soll denn nun ausgerechnet Ich etwas anders machen, wenn alle anderen genau so weitermachen wie bisher? Aber gut, fangen wir erstmal an.

Auf der Straße und auf Social Media Plattformen diskutieren wir über E-Scooter, als würden sie das Ende der modernen Wohlstandsgesellschaft bedeuten. Fahrradfahrer*innen schlüpfen in mehrere Lagen Warnwesten, da motorisierte Mitmenschen mit Bleifuß offenbar den Bezug zu ihrem Umfeld verloren haben. Und Fußgänger*innen schimpfen über Radfahrer*innen ohne Rücksicht auf Verluste. Wir beschweren uns über zehn Minuten Verspätung auf der ICE-Strecke Hamburg-München oder über den unerträglichen Zustand des ÖPNV, der uns angeblich keine andere Wahl lässt, als zum Autoschlüssel zu greifen. Von Autos, die aussehen, als würden sie uns bei lebendigem Leib auffressen wollen. Verkehr erscheint gefährlich. Ist unangenehm und ungerecht. Verkehr ist aber auch die Grundlage für Freiheit. Für Bewegung. Für Entdeckung. Ohne ihn kommt man in größeren Metropolen nicht aus. Manche machen sich einen Spaß daraus und fahren ziellos umher. Das wird aber nur toleriert, wenn man es mit vier Rädern macht anstatt mit zweien.

„Warum ist die Ästhetik der Bedrohung Merkmal unserer Lebenswelt geworden? Was ist so attraktiv daran, aggressiv zu sein?“ frage ich mich gemeinsam mit Harald Welzer, einem Soziologen, der sich viel und präzise zu gesellschaftlichen und utopischen Themen äußert. Vielleicht zucken Sie jetzt überfragt oder desinteressiert mit den Schultern. Oder Sie sehen das genauso.

Gehen Sie mal raus. Jetzt direkt nach dem Lesen. Ich empfehle, mal alle Sinne so richtig anzuschalten. Augen auf und durch. Nicht so wie sonst, wenn wir schön abgestumpft schulterzuckend und mit dem Blick und Daumen am Smartphone klebend umhermanövrieren. Sie kennen diese Momente. Wenn man mal wieder von einem übermotorisierten Reeperbahnproleten beim Abbiegen übersehen wird. Oder eine rasende Rennradfahrerin mit Kopfhörern in der Fußgängerzone auf uns zufährt als sei sie auf Kollisionskurs.

Es ist jedoch Vorsicht geboten, sozusagen in vielerlei Hinsicht: Bitte beschweren Sie sich nicht nachher bei mir, wenn Ihnen das die Augen öffnet für das, was wir da so tagtäglich tun und hinnehmen. Individualismus in Angeboten fördert Egoismus. Wenn uns andauernd Glauben gemacht wird, dass wir einzigartig sind und sich jede Dienstleistung um unsere Bedürfnisse schmiegt in schmeichelndster Manier, dann kann eine Gesellschaft noch so viel Yogastudios haben und Meditations-Retreats anbieten, dann wirkt sich das auf uns alle aus. „Wir folgen der sozialen Logik des Besonderen. Das Allgemeine ist nichts mehr wert“ sagt Andreas Reckwitz. Bedeutet das, übersetzt auf die Mobilität, dass der ÖPNV eigentlich ausgedient hat? Außer vielleicht bei den Idealist*innen und jenen, die sich nichts anderes leisten können? Und jetzt kommt auch noch individuelle Fortbewegung in geteilter Manier, welche sich mit dem Etikett der Nachhaltigkeit schmückt: E-Scooter, Mopeds und E-Bikes. Apps zum Parken zeigen mir den nächsten Parkplatz. Nur für mich! Carsharing-Angebote entlassen mich von der Pflicht, den Wagen pfleglich zu behandeln. Endlich!

All die Angebote sind doch großartig, wo ist der Grund zur Skepsis? Nun, es gibt einfach nicht genug Ressourcen zur Herstellung all jener Fahrzeuge und noch viel schlimmer: es gibt auch nicht genug Platz um unser aller Individualismus freie Fahrt zu lassen. Erst recht nicht in Städten. Ständiger, ja sekündlicher, unterbewusster Wettbewerb um Platz und sozialen Status macht, Hand aufs Herz, niemandem Spaß. Dennoch folgen wir paradoxerweise dieser Logik, Hauptsache nicht gewöhnlich
erscheinen zu wollen. Wen wundert es da, dass wir gestresst durch Gassen und über Autobahnen eilen?

Die Antwort liegt nicht im unkontrollierten, individualistischen Konsum von Sharing-Angeboten. Auch nicht, wenn alles elektrisch und autonom fährt. Die Antwort liegt in der Kuration eines Ökosystems statt eines Egosystems der Mobilität. Mit einer Haltung und auf Basis transparenter Ziele und Werte, welche uns allen nützen: Klimaschutz. Mehr öffentliche Flächen für Begegnung, Spaß und Kultur. Rücksichtsvolles und entspanntes Miteinander. Lasst uns doch ab heute alle einmal pro Woche daran denken, wie es einer anderen Teilnehmer*in im Straßenverkehr gerade geht, statt auf den eigenen Vorteil zu pochen.


Antrieb

Einfach mal anders bewegen.