Glosse vom Wandel

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Zugzwang Nr. 1: Wer ist gegen mich?

Ich kenne keine Geschichte, die davon handelt, wie glücklich der Eremit, die alleinige Herrscherin, der strahlende Gründer oder die verehrte Solomusikerin ist. Es gibt jedoch, wenn wir Frodo Beutlin oder Gaby Glockner Glauben schenken wollen, einen Haufen guter Erzählungen von gemeinsamen Abenteuern und von gegenseitiger Unterstützung im Team.

Und doch will dieser Jahre und Tage jeder Mobilitätsanbieter der Sharing-Economy der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen. Ein beliebtes Mittel dazu sind die manchmal verblüffend günstigen Minutenpreise bei Sharingangeboten. Ein anderes ist, einfach selbst multimodal zu werden, also verschiedene Fahrzeugtypen auf der eigenen Plattform anzubieten. Wer die meisten Fahrten verlauten kann, gewinnt – es geht um Vorsprung im doppelten Sinne, denn jeder Kilometer zählt. Wie schön, eine monotheistische und multimodale Mobilitätswende auf Kosten der Verkehrsvermeidung!

Verkehrsverbünde wie der HVV kennen den Wert der Zusammenarbeit hingegen schon seit über fünfzig Jahren. Regionalbahnen, Busse, S-/U-Bahnen und Fähren setzen alle auf das eine, gemeinsame Ticket. Gerade hat sich das System richtig gut eingeschwungen, kommen jene neuen Sharinganbieter auf den Markt und stellen ihre Autos, Mopeds, Shuttles, Fahrräder und E-Scooter auf die Straße. Sie wollen den Drahtseilakt der Kundengewinnung wagen, ohne den ÖPNV zu kannibalisieren. Das haben inzwischen alle verstanden, oder immerhin behaupten sie es.

Praktisch jeder meiner Podcast-Gäste spricht davon, wie kompliziert die Zusammenarbeit auf dem Weg zum heiligen Gral Mobility as a Service (MaaS) ist. Das immer deutlicher werdende Dilemma ist nämlich, dass hier das Prinzip der Daseinsvorsorge mit dem Wachstumsparadigma unserer Neuzeit kollidiert. Einen sozialen Mehrwert für die Bürger:innen Hamburgs zu schaffen, passt halt nicht immer zu den Interessen von Wagniskapital-Investor:innen. Wer das versteht, der kommt um einen Mobilitätsverbund nicht herum. Denn das ist der konsequente nächste Schritt: Endlich mal an einem Strang ziehen und die spezialisierten Stärken sämtlicher Partner einsetzen, wann und wo sie gebraucht werden. Gutmütig stimmt mich, dass Verbünde wie der HVV diesen Verhandlungs- und Wachstumsschmerz schon von früher kennen. Zu tüfteln gilt es hingegen daran, wie wir den Prozess beschleunigen und diese neue Angebotswelt attraktiv genug machen, um konkurrenzfähig zu werden. Denn wir wollen Lokalkolorit statt (amerikanische) Mobilitätsmonopolisten in Form des rollenden Egoismus.

Leicht wird nämlich vergessen, dass es wahrlich kein Pappenstiel ist, Mobilität zu jeder Zeit, auch in einer Pandemie, zuverlässig anzubieten. Wir haben das gesehen, als MOIA oder auch die meisten Sharinganbieter von E-Scootern vorübergehend den Betrieb eingestellt haben. Als es darum ging, keine fast leeren Busse und Bahnen fahren zu lassen, waren sie jedoch am Start. Hand drauf. Und Hand aufs Herz: Dieses zusätzliche Angebot ist unerlässlich, um endlich eine dieser vielen möglichen Mobilitätswenden zu gestalten. Dr. Antjes Tjarks, der Hamburger Senator für Verkehr und Mobilitätswende, bringt es auf den Punkt, indem er erklärt: „Die Mobilitätswende ist ein Projekt zur Erweiterung der Freiheit.“ Keiner hat Lust auf Verzicht und Moralapostel. Aber fast alle haben Bock darauf, vor der Tür abgeholt und sorgenfrei chauffiert werden. Manchmal will ich auf dem Rad den harten Hamburger Fahrtwind im Gesicht spüren. Manchmal will ich dieses Cabriolet-Feeling haben. Und manchmal will ich einfach nur Leute beobachten oder in Ruhe Zeitung lesen.

… Und du? Bist du eigentlich lieber alleine oder zusammen mit anderen unterwegs?

Antrieb

Einfach mal anders bewegen.