Isabelle Schulenburg

Man muss auf sein Herz hören, seine Ziele und Träume verfolgen.

Das Moorweidenpalais am Dammtor. Gerüst, Werkzeug, Bauschutt, Maschinenlärm und laute Rufe von Etage zu Etage, von Handwerker zu Handwerker. Das ist einer der Arbeitsplätze von Isabelle. Hier arbeitet sie mit ihren Kollegen daran, das alte Palais zu sanieren und in altem Glanz neu erstrahlen zu lassen. Der Gang durchs Palais wirft nicht nur bei Isabelle eine Menge Fragen auf: Was hat dieses Haus für eine Geschichte, was hat es seit dem Bau alles erlebt? Wer hat hier gewohnt?

Isabelle ist eine der wenigen Maurerinnen in Hamburg und wurde 2018 von der Handwerkskammer als beste Auszubildende in ihrem Gewerk ausgezeichnet. Sie ist damit erst die zweite Frau in der 67-jährigen Geschichte der Landessieger, die in diesem Fach den ersten Platz belegt. Das war natürlich eines von mehreren spannenden Themen, über die wir uns mit Isabelle unterhalten haben.

hvv switch: Wann kam für dich die Entscheidung auf, diesen Beruf in einer Männerdomäne zu wählen?

Isabelle: Im Kindergarten hatte ich schon eine Jungs Gang und war nur draußen. Wir haben Pirat gespielt, sind auf Bäume geklettert und haben uns gekloppt. Ich habe keine Brüder, die ein Vorbild waren, sondern eine kleine Schwester, die das absolute Gegenteil von mir ist. Und als ich dann ein Schulpraktikum machen musste, sagte meine Mutter: Mach doch was handwerkliches, Maurer oder so. Gesagt getan und ich dachte mir: Toll! Hier will ich hin. Auf eine Baustelle.

Es ist ein Kindheitstraum von mir. Ich habe als kleines Kind immer nur mit Legosteinen gespielt. Barbies, Puppen und alles was Pink ist und glitzert fand ich fürchterlich. Ein Alptraum.

hvv switch: Warum gerade Maurerin?

Isabelle: Ich war nach der Schule ein Jahr in einer Berufsfachschule für Bautechnik. Dort kam ich dann mit dem Mauern in Berührung, habe eine Mauer gebaut und war so glücklich. Das war Liebe auf den ersten Blick: Steine und Mörtel. Da habe ich meiner Mutter eine Whats App geschickt: Mama, ich will Maurerin werden. Ab da war alles klar.

hvv switch: Wie war das am Anfang, alleine unter Männern?

Isabelle: Erstmal habe ich überhaupt keine Lehrstelle gefunden. Es ist verdammt schwer als Frau eine Lehrstelle auf dem Bau zu bekommen. Ich habe mir erst mal ein Praktikum gesucht in einer Akkordkolonne und mit Bestnoten beendet. Die Kolonne wollte mich unbedingt haben, der Ausbildungsleiter ging zum Chef und hat gesagt, wie gut ich bin. Aber der Chef sagte, dass er mich nicht ausbilden will, weil ich eine Frau bin. Es hat dann sechs Monate gedauert, bis ich eine
Lehrstelle gefunden habe und bei meiner jetzigen Firma, der Firma Rohde gelandet bin.

hvv switch: Gab es Vorurteile?

Isabelle: Klar gab es Vorurteile, sogar Neid. Gerade in der Ausbildung. Wir mussten dort nach ganz speziellen Vorgaben bestimmte Mauern bauen. Wenn ich eine Eins hatte, männliche Kollegen nur eine Drei, waren sie in ihrem Stolz verletzt und es kamen Sprüche wie: Ach, Du Hast eine Eins? Du hast doch wieder beim Meister unterm Schreibtisch gesessen. So etwas sagen sich die Jungs untereinander natürlich nicht. Aber mich hat das stärker gemacht.

hvv switch: Wie anstrengend ist deine Arbeit?

Isabelle: Mein komplettes Leben findet auf der Baustelle statt. Am Wochenende feiern ist auch eher selten, weil ich dann das erledige, was in der Woche liegen bleibt: Wäsche waschen, aufräumen etc. Ich bin in der Woche so durch nach der Arbeit, das ich zu nichts mehr komme. Ich muss morgens spätestens um 6:15 Uhr auf der Baustelle sein und habe von Harburg aus einen Anfahrtsweg zur Arbeit von knapp einer Stunde.

hvv switch: Wie läuft so ein Tag auf der Baustelle?

Isabelle: Gerade sanieren wir ja das Moorweidenpalais am Dammtor. Wir machen hier eine Aufstockung von zwei Stockwerken. Ich gehe morgens zum Polier und der sagt mir z.B. du musst hier den Giebel hochziehen, weil dann die Fassadenarbeiter daran müssen. Dann bekomme ich die Bauzeichnung, muss mir mein ganzes Material selber beschaffen und mauer das. Manchmal bekomme ich Bauzeichnungen ohne Höhen- oder Breitenangaben und dann muss ich das so
bauen, wie ich denke, dass es richtig ist. Gerade bei der alten Villa aus dem 18. Jahrhundert mit ihren winkeligen Räumen und schiefen Wänden muss ich viel improvisieren. Bei einem Neubau ist das deutlich einfacher.

hvv switch: Was haben Familie und Freunde zu deiner Berufswahl gesagt?

Isabelle: Meine Familie und Freunde kannten mich ja schon immer so ein bisschen als Rambo. Die finden das super. Das Einzige, was sie negativ finden ist, dass ich einfach keine Zeit mehr habe. Und wenn ich Freitagnachmittag nach Hause komme möchte ich eigentlich nur schlafen. Meine Eltern sind heute sehr stolz auch mich. Mein Vater hat mich auch schon auf der Baustelle besucht. Meiner Mutter erzähle ich immer, was gerade so passiert.

hvv switch: Wie schwer ist es, sich als Frau am Bau durchzusetzen?

Isabelle: Wenn du im ersten Lehrjahr auf die Baustelle kommst, niemanden kennst und sagst: Moin, ich möchte hier gerne Maurerin werden sagen die Typen, die da seit 30 Jahren arbeiten natürlich erstmal: was will DIE denn hier? Viele denken: Dieses Püppchen will ich hier nicht haben. Andere helfen mir und wollen mir auch etwas beibringen. Das ist ganz unterschiedlich.

Generell geht es auf der Baustelle aber zu wie auf einem Männerabend. Da wird über alles gesprochen. Es wird geschrien und gepöbelt, manchmal auch asozial. Und wenn ich als Frau da arbeite, fragen sich manche Männer natürlich: Kann ich jetzt noch genauso reden wie vorher, ohne direkt eine Anzeige wegen sexueller Belästigung zu bekommen? Aber nach einer gewissen Zeit habe ich die Kollegen mit meiner Arbeit und meiner Art überzeugt. Klar gibt es jeden Tag und von allen möglichen Leuten anzügliche Bemerkungen, aber das stört mich überhaupt nicht. Ich weiß, dass es nie böse gemeint ist. Ich kenne die Kollegen inzwischen alle und weiß so viel aus deren Leben und über deren Probleme, dass es fast eine Familie ist. Aber natürlich muss man sich trotzdem in dieser Branche ein dickes Fell zulegen. Ich habe z.B. viele Spitznamen: Isa, Isi, Muschi, Schatzi, Prinzessin, um nur einige zu nennen. Die Jungs nennen sich gegenseitig Schatzi oder Arschloch. Man kann nicht wegen jedes Spruches oder auch mal eines Klapses beleidigt und eingeschnappt sein. Das stört die Kollegen und die Arbeit. Ich bin aber auch sehr gut im Kontern. Und alle wissen, wo die Grenze ist. Was nicht geht, geht nicht.

Tatsächlich hat man aber auch viel zu lachen auf der Baustelle und es geht sehr ehrlich zu, niemand ist hinterhältig. Der Altersdurchschnitt bei uns ist aktuell über 40, also bin ich mit 21 eher das Küken.

hvv switch: Gab es Rückschläge?

Isabelle: Es ist natürlich schwer. Die Arbeitszeiten, wenig Geld, der raue Umgangston und auch die körperliche Belastung. Im Winter ist es manchmal extrem kalt, es regnet. Du kniest irgendwo im Dreck und deine Klamotten werden klamm und kalt, aber du musst den ganzen Tag darin weiterarbeiten. Im Sommer stehst du manchmal bei über 30 Grad stundelang in der prallen Sonne, bist total verbrannt und musst aufpassen, dass du genug trinkst um nicht ohnmächtig umzukippen. Aber es stand für mich nie im Raum, dass ich sage, ich kann nicht mehr, ich höre auf. Das gehört einfach alles dazu.

Man muss sich durchkämpfen. Wenn ich denke, ich bin total fertig, muss ich weiter Gas geben. Und dann sehe ich das Ergebnis. Ich sehe, was ich mit meinen Händen gestaltet habe. Gerade war da nur eine Betonplatte und dann habe ich eine 10qm Wand daraufgesetzt. Das macht mich stolz.

hvv switch: Du bist die erste Handwerkerin aus Hamburg, die 2018 im Beruf Maurer/in beim Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks 1. Landessiegerin wurde. Im Hamburger Handwerk hat es zuvor im Beruf Maurer/in nur ein weiteres Mal eine Frau „aufs Treppchen“ geschafft, 1968 mit einem 3. Platz. Was war deine Aufgabe?

Isabelle: In den letzten 50 Jahren gab es keine Frau, die diesen Wettbewerb gewinnen konnte. Dadurch habe ich mir ein Stipendium für Weiterbildungsmaßnahmen gesichert. Ich musste eine Ziermauer bauen. Man hatte Steine vorgeschnitten, einen Plan gemacht und musste dann mit Kalksandstein das Mauerwerk erstellen. Und ich habe das wohl am besten gemacht.

hvv switch: Wie ehrgeizig bist du?

Isabelle: Ich bin sehr ehrgeizig. Letztes Jahr habe ich meine dreijährige Lehre beendet und jetzt folgt die Junggesellenzeit. Dann kommen Gesellen- und Altgesellenzeit. In den nächsten Jahren werde ich an diversen Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen. Nächstes Jahr mache ich den Maurermeister und dann werde ich Bauingenieurwesen studieren. Das ist einfach mein Leben, die Baustelle. Ich lebe momentan auf der Baustelle und für die Baustelle. Für einen Freund bleibt da gerade keine Zeit. Für die Zukunft habe ich allerdings schon vor, nicht mehr jeden Tag hier zu sein. Ich plane dann die Baustellen und sorge dafür, dass der Bau läuft.

hvv switch: Siehst du dich als eine Art Vorkämpferin für andere Frauen in Männerberufen?

Isabelle: Ich kenne nur eine weitere Maurerin, die ist 30 Jahre alt. Die hat mir auch viel über die negativen Seiten des Berufs erzählt, über Mobbing etc. Und eine Straßenbauerin, die allerdings aufgehört hat, weil es körperlich zu hart war. Ich denke, dass ich den Leuten schon zeige, dass man sich als Frau in einer Männerdomäne absolut durchsetzen kann. Dass ich irgendwann nicht mehr auf dem Bau stehe und ackere ist eher dem Körper geschuldet. Ich möchte nicht mit 50 noch Steine schleppen. Das ist einfach nicht drin. Ich möchte mich körperlich nicht kaputt machen. Aber dem Beruf und der Baustelle bleibe ich ja auf jeden Fall treu. Ich habe große Lust darauf, die Baustelle dann zu planen und zu leiten.

hvv switch: Rufen Freunde oder Familie dich an, wenn zuhause etwas kaputt ist, damit Du es reparierst?

Isabelle: Ja klar. Wenn im Keller mal eine Wand eingeputzt werden soll, kein Problem. Mein Vater ist als Bankkaufmann nicht wirklich geschickt. Meine Mutter hat auch einen Bürojob, aber sie ist die handwerklich Begabtere. Sie bohrt dann auch schon mal Deckenleisten selber an. Mein handwerkliches Geschick habe ich auf jeden Fall von ihr. Ich saniere mir auch gerade meine eigene Wohnung in Harburg. Die hat früher meinem verstorbenen Opa gehört. Vier Zimmer, aber sehr verwohnt. Das ist sehr viel Arbeit. Jetzt gerade mache ich das Badezimmer komplett neu. Bei den Elektroleitungen helfen dann Kollegen aus der Firma.

hvv switch: Machst du auch mal „Mädchen-Sachen“?

Isabelle: Ich habe wie gesagt noch eine kleine Schwester. Sie sieht mir sehr ähnlich, ist aber das komplette Gegenteil von mir: Die mag Theater, Musical und tanzt im Ballettstudio. Ich mochte das nie. Unter der Woche bin ich ja eher der Kerl. Aber am Wochenende, wenn ich dann mal Lust habe mit einer Freundin auszugehen, wird auch echt übertrieben. Da mache ich die Haare, klebe falsche Wimpern an und ziehe hohe Schuhe an. Dann habe ich richtig Lust, ein Mädchen zu sein.

Ich lebe in zwei Welten, ein bisschen wie ein Doppelleben. Das ist ganz stimmungsabhängig.

hvv switch: Hast du bei all der Arbeit noch Hobbies?

Isabelle: Samstags gehe ich zum Musikunterricht und spiele Schlagzeug. Seit ich drei Jahre alt bin, gehe ich zu einer privaten Musiklehrerin. Ich singe auch noch in einem Gospelchor. Zweimal im Jahr haben wir Auftritte, meistens in einer Kirche. Wir sind fünf Leute und die Proben sind immer Montagabend. Dann komme ich von der Arbeit: Duschen, essen, umziehen und los. Um 20:30 Uhr fängt die Probe an und geht bis 22:00 Uhr. Dann bin ich um 23:00 wieder zuhause und um 5:00 Uhr klingelt der Wecker. Der Dienstag ist dann echt gelaufen. Obwohl 5:00 Uhr für mich ja schon ausschlafen ist. Für die letzte Baustelle musste ich um 4:00 Uhr aufstehen.

hvv switch: Was ist dein Lieblingsort in Hamburg?

Isabelle: Ich bin geborene Hamburgerin und wohne jetzt in der Nähe von Harburg. In Hamburg bin ich gerne auf dem DOM. Hamburg ist eine absolut tolle Stadt. Ich liebe diese Stadt und finde es toll, sie mit zu verändern und mit aufzubauen.

hvv switch: Wie bewegst Du Dich meistens durch Hamburg?

Isabelle: Ich bin tatsächlich angewiesen auf Bus und Bahn. Ich wohne hinter Harburg und muss morgens gegen 5 Uhr los. Es ist sehr entspannt und ich habe dann freie Sitzplatzwahl, aber es sind tatsächlich auch schon einige Leute unterwegs um diese Uhrzeit. Ich habe zwar einen Führerschein, aber kein eigenes Auto. Ich gehe auch viel zu Fuß.

Mein Motto ist „Nicht schnacken, sondern machen“! Man muss einfach auf sein Herz hören und seine Ziele und Träume verfolgen. Egal, wer etwas dagegen sagt oder mir Steine in den Weg legt. Da baue ich dann ein Haus draus!

hvv switch: Was bedeutet für dich Freiheit? Ist die Arbeit eine Art Freiheit?

Isabelle: Freiheit ist mir sehr wichtig. Warum lebe ich den sonst? Ich lebe ja nicht, um irgendjemand anderem zu gefallen. Wenn meine Eltern gesagt hätten, ich solle diesen Job nicht machen, hätte ich es trotzdem gemacht. Ich weiß ja selber, was ich möchte und welche Ziele ich erreichen will und wo ich hinwill. Es war meine Freiheit, diesen Job zu ergreifen. Im Prinzip bin ich ein sehr fauler Mensch. Wenn ich auf etwas keine Lust habe, dann mache ich es nicht und lasse mich dazu auch nicht zwingen. Umso großartiger, dass ich in meinem Beruf so absolut aufgehe. Auch das ist Freiheit für mich.

hvv switch: Was wünscht du dir für die Zukunft?

Isabelle: Ich brauche keine großen Reisen, bin wirklich sehr gerne Zuhause und bei der Arbeit. Es macht mich sehr glücklich und zufrieden, wenn ich sehe, was ich an dem Tag geschaffen habe. ich würde sagen, es ist schön für mich, dass ich mich selber gefunden habe und genau weiß, wohin ich in Zukunft noch kommen möchte. Mein Ziel für die Zukunft ist einfach glücklich und zufrieden zu sein und da bin ich auf dem besten Weg.

Hört euch auch die Playlist an, die Isabelle und hvv switch für euch zusammengestellt haben.

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